Gesund durch sanfte Geburt
Eine erfahrene Freundin im Kreißsaal ist die beste Medizin für Mutter und Kind - Serie Baby-Medizin 2001, 10. Teil
Von Rolf H. Latusseck
Medizinische Betreuung während der Geburt ist nicht alles. Ebenso wichtig für die langfristige Gesundheit von Mutter und Kind ist
seelischer Beistand, von dem die werdende Mutter Zuspruch, Unterstützung und, wenn nötig, Trost erhält.
Unter sachkundiger
Begleitung empfindet eine Mutter die Geburt als positives Erlebnis, und sie baut eine stabile Bindung zu ihrem Baby auf - mit allen damit
für das Kind verbundenen Vorteilen.
Für Betreuerinnen, die eine Schwangere in dieser Weise begleiten, hat sich unter unkonventionell denkenden amerikanischen
Medizinern die Bezeichnung Doula durchgesetzt. Der Begriff ist griechischen Ursprungs und bezeichnet eine "in der Geburt erfahrene
Frau, die emotionalen Beistand leistet".
"Für medizinische Belange ist die Doula nicht zuständig", betont John Kennell von der Case Western Reserve University in Cleveland
(Ohio). "Das gehört in den Aufgabenbereich von Ärzten und Hebammen."
Dennoch hat die Tätigkeit einer Doula erhebliche medizinische Auswirkungen: Eingriffe während der Geburt sind seltener, die Mutter-
Kind-Bindung wird intensiver und das wiederum trägt zu einem allgemein besseren Gesundheitszustand des Babys bei.
Ebenso wichtig wie die Luft zum Atmen und die Milch zum Trinken ist für die körperliche und seelische Gesundheit eines Babys das
innige Verhältnis zu seiner Mutter. Die Intensität dieser Mutter-Kind-Bindung wird nach den Untersuchungen von Kennell wesentlich
davon bestimmt, wie eine Mutter die Geburt ihres Kindes erlebt, und danach scheinen medizinische Eingriffe sich eher negativ
auszuwirken.
Der Mediziner belegt das mit Zahlen: Bei Geburten, die von einer Doula begleitet werden, gibt es nur halb so viel Kaiserschnitte wie
normalerweise. So genannte Epiduralanästhesien, bei denen der Unterleib durch eine Injektion ins Rückenmark betäubt wird, nehmen
um 60 Prozent ab.
Das Verlangen nach Schmerzmitteln geht um 30 Prozent zurück. Der Ocytocin-Gebrauch zur Einleitung der Wehen
reduziert sich um 40 Prozent, und insgesamt verkürzt sich die Dauer der Wehentätigkeit um ein Viertel, das heißt, die Geburt verläuft
schneller.
Ein Verzicht auf medizinische Eingriffe erhöht das Selbstwertgefühl der Mütter. "Sie sind stolz auf sich und ihre Leistung und nehmen die
Geburt als positive Erfahrung an", erklärt Kennell. "Das positive Erlebnis kommt dem Kind zugute. Nach Doula-Unterstützung zeigen
Mütter bereits während der ersten 25 Minuten nach der Geburt einen zärtlicheren Umgang mit ihrem Kind, sie lächeln es häufiger an,
sprechen mit ihm und streicheln es."
Sechs Wochen nach der Geburt gaben 51 Prozent der Frauen ihrem Baby die Brust - gegenüber einen allgemeinen Durchschnitt von
nur 29 Prozent. Die gesundheitsfördernde Wirkung der Muttermilch ist unumstritten, und Aufnahmen mit Infrarotkameras haben
ergeben, dass Kinder, die während der ersten Lebenswochen das Bett mit ihrer Mutter teilen, nachts doppelt so häufig trinken wie allein
schlafende Kinder. Außerdem wenden diese Kinder ihr Gesicht nahezu ununterbrochen der Mutter zu - allein schlafende Kinder zeigen
keine Seitenpräferenz in der Kopflage.
Der enge nächtliche Mutter-Kind-Kontakt hat eine weitere Konsequenz: Beide koordinieren offenbar ihre Schlafphasen. Tiefschlaf und
kurze Aufwachperioden verlaufen parallel. Speziell kurze Wachphasen, so vermuten Wissenschaftler, könnten dem Kind helfen,
Atempausen (Apnoen) zu überwinden, die mit gefährlichem Sauerstoffdefizit einhergehen, und möglicherweise sogar einer der Gründe
für den plötzlichen Kindstod sind.
Die unterstützende Begleitung einer Frau während der Geburt durch andere weibliche Mitglieder ist wahrscheinlich ein uraltes
menschliches Erbe, vermutet John Kennell. Die medizinische Versorgung hat diese natürliche Begleitung größtenteils verdrängt, die
sogar bei einigen Tierarten wie Elefanten und Walen zu beobachten ist. Kennell ist überzeugt: "Wären die mit einer Doula erzielten
Ergebnisse mit einem Medikament oder einem neuen Apparat zu erreichen, dann gäbe es eine ungeheure Nachfrage nach dieser
Neuerung, aber leider entspricht die Doula noch nicht der medizinischen Lehrmeinung."